Tuesday, January 10, 2006

Ingrid Kubyk
Tutorium zu „Einführung in die Geschichte der KSA“, WS 2005/06
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2. Essay

Mauss, Van Gennep
· Diskutiere die wichtigsten Aussagen der Werke „Die Gabe“ von Marcel Mauss und „Rites de Passage“ von Arnold van Gennep.
· Wie sind die beiden Autoren im Kontinuum ausgehend vom Durkheim´schen Werk bis zum Strukturalismus zu sehen.
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1. Historische Einordnung, Begriff des Strukturalismus
Marcel Mauss lebte von 1872 bis 1950. Er war der Neffe Emil Durkheim (1858-1917). Seine wissenschaftliche Karriere war eng mit jener Durkheims, 1959-1917, verbunden (gemeinsame Publikationen, Herausgabe der L´Année sociologique).

Nach dem 1. Weltkrieg, in welchem einige große Schüler Durkheims den Tod gefunden hatten (z.B. auch Robert Hertz
[1]), wurden von Mauss auch Arbeit dieser verstorbenen Kollegen zu Ende gebacht. Mauss wurde immer wieder vorgeworfen, kein konsistentes Gedankengebäude entwickelt zu haben.[2] Die Bedeutung seines Werkes „Die Gabe“ ist jedoch unbestritten.

Arnold van Gennep lebte von 1973 bis 1957. Van Gennep blieb Zeit seines Lebens ein Außenseiter des wissenschaftlichen Lebens. Mit Ausnahme eines Lehrstuhls für Ethnologie in Neuchatel, Schweiz, hatte er keinen akademischen Lehrauftrag.
[3] Die Themen, die ihn interessierten, sind ähnlich jenen von Durkheim und seiner Schule. So ist z.B. van Genneps Interpretation der Religion weitgehend identisch mit jener Durkheim (Religion stellt sich als etwas dar, was Menschen ausarbeiten um ihre nicht-alltäglichen Erfahrungen zu interpretieren[4]). Bezüglich der Rituale sind die Meinungen van Genneps und Durkheims allerdings nicht identisch, wie unten noch gezeigt werden wird.

Der Begriff des Strukturalismus wird ab den späten 40iger Jahren des 20 Jhdts. von den Levi-Strauss´schen Rationalisten verwendet um sich selbst zu benennen.
[5] Die Struktur, die hier gemeint ist, ist im weitesten Sinn eine Struktur der „Muster“, d.h. es geht um die Erforschung des Beziehungs- und Abhängigkeitssystems von im ersten Eindruck nicht zusammen hängender Dinge. Im Verständnis des Strukturalismus ist „das Ganze“ mehr als die „Summe seiner Teile“.[6]

Mauss und van Gennep führten selbst nie Feldforschungen im Ausland durch (ausgenommen zwei kurze Reisen van Genneps nach Algerien).
[7]

Zur Zeit der Strukturalisten war Feldforschung bereits für alle Anthropologen zu einer Selbstverständlichkeit geworden.


2. M. Mauss „Die Gabe“
Die Gabe, erstmals publiziert im Jahre 1923, ist die erste systematische Studie über das weit verbreitete System des Geschenkaustausches und die erste Deutung seiner Funktion.
[8] Für Mauss sind soziale Systeme Netzwerke mit reziproken Verpflichtungen (Reziprozitätsprinzip), die im rituellen Austausch von Gütern und Dienstleistungen verwirklicht werden. Da alle Mitglieder einer Gesellschaft in das Tauschsystem integriert sind und auch miteinander in Beziehung stehen, handelt es sich im Mauss´schen Sinn um ein „totales soziales Phänomen“.

Mauss Methode war jene des „präzisen Vergleiches“.
[9] Für „Die Gabe“ hat Mauss, der ja selbst nie Feldforschung betrieb, neben anderen (z.B. über die Maori), die folgenden zwei klassischen Arbeiten verwendet:
· Malinowskis Aufzeichnungen zum Kula-Handel auf den Trobriand Inseln,
· Franz Boas Aufzeichnungen zum Potlatch der Kwakiult und anderer Stämme im NW der USA und benachbarter Gebiete in Canada.

Darüber hinaus, wurde anhand des Römischen Rechts, des Klassischen Hindurechts und des Germanischen Rechts die sozialgeschichtliche Bedeutung des Tausches auch für die historische Erklärung unserer Gesellschaft herangezogen. Diese Teile des Werkes, sowie weite Teile der abschließenden Kapitel, z.B. moralische Schlussfolgerungen, werden hier nicht weiter behandelt, da sie im gestellten Zusammenhang nicht von wesentlicher Bedeutung sind.

Beide Systeme, der Kula-Handel und der Potlatsch, stellen zeremonielle Formen des Tausches dar und sind durch drei Elemente gekennzeichnet. Gabe („vaga“) - Verpflichtung zur Annahme der Gabe – und, zeitlich versetzte, Gegengabe („yotile“ oder „kudu“). Damit ist die Gabe nicht frei, sondern sie ist eingebettet in ein System von Rechten und Verpflichtungen.
[10] Die Gegengabe muss immer Zeit versetzt gegeben werden (damit wird Kontuität geschert) und muss eine höheren Wert haben als die Erstgabe (damit bleibt „Schuld“ erhalten).

Sinn und Zweck des Kula-Handels ist vor allem, die sozialen Bande sicherzustellen. Der Kula-Handel ist den Häuptlingen vorbehalten, die zugleich die Oberhäupter der Kula-Flotte sind. Die Schenkung ist streng ritualisiert und von Bescheidenheit des Beschenkten gekennzeichnet.
[11] Gegenstände zum unmittelbarenAustausch, auch nicht für erhaltene Nahrung, dürfen auf die Fahrten nicht mitgenommen werden.

Rituell getauscht werden Halsketten (Symbole des Männlichen) und Armbänder (Symbole des Weiblichen) jeweils in einem bestimmten gegenläufigen Kreislauf (Halsketten im Uhrzeigersinn, Armbänder gegen den Uhrzeigersinn)
[12]. Diese Schmuckstücke bleiben eine Zeit lang im Besitz des „Beschenkten“, gehen jedoch nie in sein Eigentum über, sondern müssen gemäß dem festgelegten Kula-Rhythmus weitergegeben werden.

Die Halsketten und Armbänder sind mehr als bloße Wertgegenstände. Sie haben einen Namen, eine Persönlichkeit, eine Geschichte, so dass manche Individuen sogar deren Namen annehmen. Durch bloße Berührung wird ihre Kraft übertragen (wird z.B. auch Sterbenden als letzter Trost auf die Brust gelegt).

Ist jemand nicht in der Lage, die erste Gabe zu erwidern, kann er ein „basi“, eine Notfallgabe anbieten, mit der die Angelegenheit jedoch nicht zum Abschluss gebracht werden kann.

Die Kula-Fahrten werden von vielen anderen Tauschfahrten umrahmt, bei welchen, anders als im Kula, die Tauschgeschäfte nicht zwischen fixen Partners stattfinden müssen und bei welchen auch andere Gegenstände getauscht werden.

Dem Kula völlig analoge Beziehungen gibt es auch noch in der Form des „wasi“ (Austausch zwischen Partnern von Acker bauenden Stämmen und Küstenbewohnern) und in der Form des „sagali“ (große Nahrungsmittelverteilungen für Gruppen, die dem Häuptling oder seinen Clan Dienste geleistet haben).
[13]

Reichtum bedeutet im Kula, möglichst viele Tauschpartner zu haben und möglichst viele Güter temporär in seinem Besitz zu haben. Das Wesentliche am Besitz ist die Möglichkeit, diesen an andere weiter zugeben. Jeder, der etwas besitzt, ist verpflichtet zu teilen. Großzügigkeit bei der Verteilung bringt wieder Prestige.

Im Gegensatz zum Kula-Handel, geht es beim Potlatch im Nordwesten Amerikas auch unmittelbar um die Darstellung von Reichtum und Macht. Die Untergruppen der Gesellschaft sollen hier auch fühlen, dass sie einander alles schulden.
[14] Neben handwerklichen Produkten kommen hier auch Kupferplatten, als höchste Potlatchgüter, zum Einsatz.[15] Vom Kula-Handel unterscheidet sich der Potlatch durch seine Heftigkeit, die Übertreibung und die Gegensätze, die er hervorruft.

Der Begriff der Ehre spielt hier eine große Rolle. Jede Art von Status, sowohl für Häuptlinge, Clans als auch Individuen, wird bei diesen Indianern durch einen „Eigentumskrieg“ erworben (neben dem Potlatch auch durch Krieg, Erbschaft, Heirat, Bündnisse, etc.).
[16] In einigen Fällen geht es nicht um geben und zurückzahlen, sondern auch um Zerstörung, um nicht den Anschein zu erwecken, man lege Wert auf eine Rückgabe.

Der Potlatch wird von den Häuptlingen abgewickelt. Die Güter, die ihnen von ihrem Clan übergeben wurden, werden von ihm verteilt. Die Häuptlinge stellen dabei die Götter und die Vorfahren dar. Beim Potlatch selbst stehen einander Interessensgemeinschaften in einem riesigen Kampfspiel gegenüber. Reichtum kann man nur dadurch beweisen, dass man ihn ausgibt und die anderen damit demütigt.

Eine Gabe abzulehnen, hieße beim Potlatsch, dass man sich im Voraus als besiegt bekennt. Gegengaben müssen in der Regel mit Zinsen erfolgen, wobei die Zinssätze zwischen 30% und 100% liegen.
[17] Wer sein „Darlehen“ nicht zurückzahlen kann, verliert seinen Rang und sogar seinen Status als freien Mann.

Auch hier besitzen die Wertgegenstände eine Persönlichkeit, haben einen Namen und bestimmte Eigenschaften und Macht.


3. A. van Gennep, Übergangsriten
Van Gennep publizierte dieses Werk erstmals 1909. Bestimmte Elemente wurden bereits durch einen Artikel von Hertz (einen Schüler Durkheims, der im 1. Weltkrieg fiel) über den Tod im Jahre 1906 vorweggenommen.
[18]

Mit dem Begriff des Rituals hatte sich auch schon Durkheim beschäftigt. Nach Durkheim führen sich Gesellschaften in ihren Ritualen selbst auf. Für van Gennep hingegen, sind Rituale etwas Universelles, ohne das keine Gesellschaft auskommt. Es handelt sich dabei um wiederkehrende Handlungsabläufe, die sich in Form und Inhalt vom Alltag deutlich unterscheiden.
[19]

Van Gennep leitet aus unterschiedlichen Quellen anderer Autoren (z.B. S. Frazer: The Golden Bough, z.B. E.B. Tyler: Primitiv Cultures) seine Theorie mit Hilfe der vergleichenden Methode ab.

Übergangsriten begleiten räumliche, soziale oder zeitliche Übergänge von Individuen und Gruppen. Ziel dieser Riten ist die Überführung des Individuums von einer genau definierten Situation in eine andere, ebenso genau definierte Situation.
[20] Solche Riten haben in den einzelnen Gesellschaften immer die gleiche Form. Generell können drei Phasen unterscheiden werden:

1. die Trennungsphase von der alten Situation
2. die Schwellen- oder Umwandlungsphase (Liminarität) und
3. die Angliederungsphase in die neue Situtaion

Die einzelnen Phasen sind bei den einzelnen Übergangsriten unterschiedlich ausgeprägt, grundsätzlich jedoch immer festzustellen. Van Gennep behandelt in seinem Buch um Detail die folgenden Übergangssituation:

· Räumliche Übergänge, inkl. Überschreiten von Territorialgrenzen
· Individuen und Gruppen, insb. den Empfang von Fremden
· Schwangerschaft und Niederkunft
· Geburt und Kindheit
· Initation
· Verlobung und Heirat
· Bestattung

Van Gennep weist bei den einzelnen Beispielen immer auf die sozialen Bedeutung der Übergangsriten, sowohl für das einzelne Individuum als auch für die Familie, den Clan oder das Dorf hin. Letzteres ist für uns West-Europäer des 21.Jhdts. im Zusammenhang mit Verlobung und Heirat besonders deutlich.
[21] Eheschließung stellt sich für van Gennep immer auch als ökonomische und strategische Entscheidung (Vereinigung von zwei oder mehreren Gruppen) dar. Die einzelnen Phasen des Übergangsritus können sich über mehrere Jahre Hinziehen (z.B. bis zur letzten Zahlung des Brautpreises, z.B. bis zur Geburt des ersten Kindes).

Was das Individuum betrifft, so handelt es sich in der Regel um Übergänge, die mehr durch soziale Bedingungen bestimmt werden als durch individuelle (z.B. Zusammenfassung mehrerer Jungen zu einem Initiationsritus, unabhängig von ihrem unterschiedlichen, körperlichen Entwicklungsstand).

Die Zeit der Übergangsriten stellt sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft ein Risiko dar. Das Außerkrafttreten der Regeln des normalen Lebens in der Schwellenphase (insb. bei den Initiationsriten) birgt sowohl die Gefahr von Exzessen und körperlicher Gefahren, andererseits das Risiko, dass das Individuum nicht mehr in die Gesellschaft integrierbar ist.

Nicht nur mit seinem Werk, die Übergangsriten, war van Gennep von großer Bedeutung für die KSA. Für ihn war die Ethnographie nicht-europäischer und europäischer Gruppen ein und dasselbe.
[22] Damit nimmt er eine Haltung vorweg, die sich heute für die KSA selbstverständlich ist.


4. Kontinuum von Durkheim bis zum Strukturalismus
Emil Durkheim stellte den Bezug zwischen Gesellschaft und Individuum generell, aber auch das Thema der gesellschaftlichen Bedingtheit einzelner Verhaltensweisen (z.B. im „Selbstmord“) in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Dies wurde von Mauss fortgesetzt und von van Gennep ebenfalls angewandt. Die Strukturalisten, wenige Jahrzehnte später, sehen die Gesellschaft nicht mehr lediglich als strukturelle Form sondern vielmehr als Struktur von Ideen.
[23]

Der Strukturalismus von Levi-Strauss stellt das erste große Theoriengebäude nach dem 2. Weltkrieg da. Die Struktur, um die es den Strukturalisten geht, ist nicht die der Gesellschaft , sondern die der Ideen. Dementsprechend halten sie sich mehr an das, was gesagt wird, als an das, was getan wird. Man könnte auch sagen, dass die „Struktur“ eines gesellschaftlichen Systems von Ideen zum realen Geschehen im gleichen Verhältnis steht, wie „die Partitur zur Orchesterführung“.
[24] Selbstverständlich gilt für die Strukturalisten nach wie vor, dass die „Gesellschaft“ die Entscheidung und das Verhalten jedes Einzelnen bestimmt.

Sowohl die Arbeiten von Mauss als auch von van Gennep streichen die Verbindung zwischen Religion und Magie heraus. Mauss installierte in der franz. Anthropologie eine Bewegung, die nie zur Bildung von Doktrinen tendierte.
[25] Auch van Gennep wollte kein „Gesetz“ verkünden, sondern ein Modell liefern, um die Struktur der Übergangsriten zu erhellen.[26]

Von Durkheim übernahm Levi-Strauss, die Idee der segmentierten Gesellschaft, die von mechanischer oder organischer Solidarität zusammengehalten wird. Von Mauss lernte Levi-Strauss, dass Solidarität am besten erreicht wird durch das Prinzip der Reziprozität.
[27] Mauss betont, dass die Menschen nicht nur handeln, sondern auch darüber nachdenken, was diese Handlungen zu bedeuten haben. Damit geht auch der Geschenktausch immer mit einem Vorstellungssystem und mit einem Ideengebäude einher.[28]

Auf der Grundlage dieser Arbeiten und ungeachtet der Entwicklungen im angloamerikanischen Raum, formte Levi-Strauss den anthropol. Strukturalismus (auch unter Einfluss des linguistischen Strukturalismus, insb. von Saussure). Kosmologien und Mythen auf der einen Seite und Verwandtschaftsbeziehungen zum anderen, sollten zu einem Gedankengebäude zusammengeführt werden. Eine der auch noch heute gültigen Erkenntnisse von Levi-Strauss war, dass Mythen ständig variieren, aber nie außer Kraft gesetzt werden.

Hier trifft sich Levi-Strauss mit den Erkenntnissen van Genneps. Seine „Übergangsriten“ bildeten neben einem Strukturmodell (Dreiteilung der Riten in allen Gesellschaften) auch ein Prozessmodell (Riten ändern sich mit der Zeit ebenso wie der Status der Beteiligten).
[29]Parkin, S. 182).

Einflüsse auf die britische Anthropologie
Levi-Strauss wurde erst in den 60iger Jahren ins Englische übersetzt, sodass sein Einfluss auf die englisch-sprachigen Ländern erst verzögert einsetzte.

Genneps Modell wurde insb. von Struktur-Prozessualisten, wie Edmund Leach und Victor Turner aufgegriffen.
[30] Turner beschäftigte sich insb. mit der Liminalen Phase der Übergangsriten und wies auf ihre Gefahren hin.[31] Edmund Leach führte die Überlegungen von van Gennep und Levi-Strauss zu Ritualen weiter.[32] [33]

Durkheim´sche Ideen beeinflussten Gluckman (über seinen Lehrer Radcliff Brown und seine Studien über soziale Beziehungen) und damit auch andere Vertreter der Manchester School.. Sowohl Leach als auch Gluckman haben sich mit dem Thema Friede und Stabilität von Gesellschaften und mit der Bedeutung von Normen und Ritualen beschäftigt. Die Theorien von Leach und Gluckmann sind auf eine gemeinsame Aussage zu bringen: Die zentrale Dynamik des sozialen Lebens kommt durch politische Aktivitäten, durch Menschen, die miteinander konkurrieren um ihre Bedeutung und ihren Status zu erhöhen, im Rahmen von oft widersprüchlichen Regeln zustande.
[34]



Referenzen:

[1] Parkin, Robert: The French Speaking Countries, in: Barth, Frederic, u.a.:One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropologie; University of Chicago Press, Chicago and London2005, S.193
[2] Parkin, ebenda S.187
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Arnold_van_Gennep, heruntergeladen am 22.11.05
[4] VO O.Univ.Prof. Dr. Gigrich „Einführung in die Geschichte der KSA“ am 16.11.05, Gedächtnisprotokoll der Autorin
[5] Leach, Edmund: Kultur und Kommunikation, Zur Logik symbolischer Zusammenhänge, Suhrkamp, Frankfurt/Main 1978 (EA 1976), S.13
[6] Barnard, Alan: History and Theory in Anthropology; Cambridge University Press, Cambridge 2000, S.127
[7] Schomberg-Scherff, Sylvia M.: Nachwort, S.237; in: Arnord van Gennep: Übergangsriten, Campus, 3. erweiterte Aufl.,Franfkurt/Main,2005
[8] E.E. Evans.Pritchard: Vorwort zu M. Mauss „Die Gabe“, Suhrkamp, Frankfurt/Main 1990, S.11
[9] Mauss, Marcel: Die Gabe, Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, Suhrkamp, Frankfurt/Main 1990, S.20
[10] Barnard, ebenda, S.65
[11] Mauss, Marcel, ebenda, S. 57 f.
[12] Mauss, Marcel, ebenda, S. 57 f.
[13] Mauss, Marcel, ebenda, S. 70 f.
[14] Mauss, Marcel, ebenda, S. 77
[15] Mauss, Marcel, ebenda, S. 116
[16] Mauss, Marcel, ebenda, S. 85
[17] Mauss, Marcel, ebenda, S. 98 ff.
[18] Parkin, Robert, ebenda S.182 und 191 f
[19] VO O.Univ.Prof. Dr. Gigrich „Einführung in die Geschichte der KSA“ am 16.11.05, Gedächtnisprotokoll der Autorin
[20] van Gennep, Arnold: Übergangsriten, S.15; Campus, 3. erweiterte Aufl.,Franfkurt/Main,2005
[21] van Gennep ebenda, S. 114-141
[22] Schomberg-Scherff, Sylvia M.: ebenda S.243
[23] Barnard, ebenda, S.127
[24] Leach, ebenda, S.13
[25] Gingrich, Andre: Erkundungen, Themen der ethnologischen Forschung, Böhlau Verlag, Wien 1999, S.187
[26] Schomberg-Scherff, Sylvia M.: ebenda S.243
[27] Kuper, Adam: Anthropology and anthropoligists, the modern British school; Routledge & Keagan, 3. Aufl., London 1997 (1973), S.162
[28] Mader, Elke; Seiser, Gertraud: Theoretische Grundlagen der ökonomische Anthropologie; S.47 Lernunterlage zur VO „Einführung in die ökonomische Anthropologie“ im WS 05/06
[29] Parkin, ebenda, S.182
[30] Barnard, ebenda, S.80
[31] Eriksen, Hylland Thomas: Small Issues, Large Places, An Introduction to Social and Cultural Anthropologie, 2.Aufl. London 2001 (1999), S.138
[32] Gingrich, ebenda, S.109
[33] Kuper, ebenda, S.236
[34] Kuper, ebenda, S.138

Wednesday, November 16, 2005

Ingrid Kubyk
Tutorium zu „Einführung in die Geschichte der KSA“, WS 2005/06
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Emile Durkheim
·
Welche Spezifika seines Werkes machen Durkheim zu einem wichtigen Einflussgeber der anthropologischen (bzw. sozialwissenschaftlichen) Theorienbildung des 20. Jhdts. ?
· Worin
bestehen die Neurungen im Denken Durkheims, die spätere Forschungsrichtungen inspirierten?
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1. Einleitung
Durkheim lebte von 1888 bis 1917 und gilt aufgrund seiner Beschäftigung mit sozialen Phänomenen sowohl als einer der „Väter“ der modernen Soziologie als auch der modernen Anthropologie. Durch die nachfolgenden Generationen hat seine „Familie“ auch real zur Entwicklung der Anthropologie im 20. Jhdt. beigetragen. Marcel Mauss (1872-1950) war Durkheims Neffe, Claude Levi Strauss (geb. 1908) der Neffe von Marcel Mauss.

Neben der Anthropologie und der Soziologie beeinflusste Durkheims Denken auch noch eine Reihe weitere Wissenschaften (z.B. Pädagogik, Systemtheorie) und reale politische Umsetzungsmodelle (z.B. Kemak Atatürks Reformen in der Türkei).

Durkheim selbst gilt als „armchair anthropologist“, d.h. er selbst betrieb nie Feldforschung. Den Anstoß für einige seiner Überlegungen und Theorien gaben allerdings auch politische Verhältnisse und Geschehnisse in Frankreich (3. Republik, Dreyfus-Affaire), seinem Heimatland.

Durkheims Hauptwerke sind:
· Über die Teilung der sozialen Arbeit (1893, Dissertation)
· Rules of Sociological Methods (1895)
· Über den Selbstmord (1897)
· Primitive Classification (gemeinsam mit Marcel Mauss 1903)
· Elementary Forms of the Religious Life (1912)

Seit 1898 erschienen die „L´Année sociologique“, die ersten sozialwissenschaftlichen Journale Frankreichs, die bald großen Einfluss gewannen. In diesen Bänden wurden Beiträge unterschiedlicher Wissenschaftler publiziert (auch von Philosophen, Juristen, Ökonomen, etc.), die wesentliche Grundlagen für spätere theoretische und empirische Arbeiten darstellten. Hier erschien 1903 zum ersten Mal „Primitive Classification“ als Aufsatz.

Zentrale Gedanken Durkheims:
Für Durkheim standen immer die sozialen Beziehungen und die Verbindung zwischen Individuum und Gesellschaft im Vordergrund. Die Gesellschaft wird als ein miteinander verbundenes Gefüge gesehen. Spezifisches an der Gesellschaft wird nach Durkheim dann verständlich, wenn man die Beziehungen hinsichtlich ihrer Bedeutungen in und für die Gesellschaft analysieren kann [
[1]]. Damit sind soziale Fakten nur durch andere soziale Fakten zu erklären [[2]]. Das Individuum wird von Durkheim primär als Produkt der Gesellschaft, wenn auch mit großer Eigenständigkeit, verstanden. Durkheim hat niemals den Gedanken aufgegeben, jede Gesellschaft müsse sich als Verband von konkreten sozialen Gruppen analysieren lassen [[3]].

2. Einzelne Werke

2.1. Über die Teilung der sozialen Arbeit
Zentrale Aussagen dieses Werkes ist, dass soziale Harmonie wesentlich von der Teilung der Arbeit bestimmt wird. Teilung der Arbeit findet sich in irgendeiner Form in allen Kulturen (z.B. zwischen jung und alt, Männern und Frauen, der eigenen und einer fremden Gesellschaft). Durkheims Hauptinteresse liegt in der Frage, wie die Arbeitsteilung die Interaktion zwischen den Individuen beeinflusst.

Durch zunehmende Arbeitsteilung im Zuge größerer Heterogenität im Laufe der Evolution entstehen separate Gruppen mit unterschiedlichen Werten, Interessen und Normen. Für Durkheim stellt die Arbeitsteilung keinen Zerfall der Gesellschaft dar, sondern bedingt eine besondere Form der Solidarität als Grundlage des Zusammenhalts einer Gesellschaft:
· Organische Solidarität kennzeichnet Gesellschaften mit Arbeitsteilung, in welcher die Menschen zum Überleben aufeinander angewiesen sind. Die Solidarität wird hier zum Garanten des Zusammenhalts der Gesellschaft, wenn auch Kollisionen existieren und Konflikte ausgetragen werden müssen.
· Im Gegensatz dazu beschreibt der Begriff der Mechanische Solidarität den Zusammenhalt einer Gesellschaft, der auf anderen Werten , wie z.B. Religion, beruht. Diese Solidarität existiert in Gesellschaften mit funktionell äquivalenten Gruppen. D.h. auch, wenn eine Gruppe nicht mehr existiert, hat dies für den Fortbestand der Gesellschaft keine Konsequenzen.

Über die Teilung der sozialen Arbeit“ ist Durkheims Hauptwerk im Hinblick auf den „Funktionalismus“.


2.2. Über den Selbstmord
Dieses Werk Durkheims legt den Grundstein für die empirische Tradition der heutigen Soziologie. Anhand spezifischer Selbstmordraten in unterschiedlichen sozialen Gruppen (Katholiken –Protestanten, Stadt-Land, alt-jung, Verheirateten und Unverheirateten) und unterschiedlichen Ländern, wird der Zusammenhang zwischen dem individuellen Akt des Selbstmordes und gesellschaftlichen Faktoren hergestellt. Damit wurde gezeigt, dass individuelle Entscheidungen, sogar jene sich selbst das Leben zu nehmen, im Kern eine soziale Grundlage haben.

Anomie bildet den Sammelbegriff für Situationen, in der Unsicherheit als Folge des Fehlens sozialer Regeln herrscht. Dies führt auch zu sozialer Krisen, dem Erlebnis von Ungleichheit als nicht legitim und Bürokratie (hohe Spezialisierung, schwache Produktion, schlechte gegenseitige Abstimmung).

Dieses Werk Durkheims legte den Grundstein für die empirische Tradition der heutigen Soziologie.


2.3. Rules of Sociological Methods
Durkheim glaubte an die Existenz von logischen Verbindungen zwischen (philosophischen) Ideen, die jedoch überprüft werden müssen. Empirie wird benötigt um diese Überprüfung durchzuführen.


2.4. Primitive Classification
Dieses Werk nimmt Elemente vorweg, die in den „Elementary Forms“ detailliert ausgeführt werden [
[4]].

In dieser Arbeit wird ein Erklärungsversuch unternommen, wie der menschliche Geist klassifiziert. Aus unterschiedlichen Datenquellen (Australien, USA, China, dem antiken Griechenland), wird abgeleitet, dass zwischen Gesellschaften und der Klassifizierung der Natur ein enger Zusammenhang besteht, aber auch ein Zusammenhang zwischen „primitivem“ und wissenschaftlichem Denken (ähnliche Elemente in der entwickelten Kultur Chinas und jener der Aboriginis). Dennoch ist das Denken ein „soziales Produkt“, d.h. auch, dass unterschiedliche Gesellschaften unterschiedliche Arten zu denken hervorbringen [
[5]].

Dieses Arbeit hatte Auswirkungen auf alle Theorien, die sich auf die psychische Einheit der Menschheit beziehen (Evolutionismus, Strukturalismus).


2.5. Elementary Forms of the Religious Life
Obwohl er sich in seiner Jugend von der (jüdischen) Religion abgewandt hatte, bildete die Religion später sein Hauptinteressensgebiet.

Durkheim unterscheidet zwischen dem „Heiligen“ und dem „Profanen“. Das „Heilige“ wird von Durkheim gleichwertig zur sozialen Identität angesehen. Religion stellt die Verkörperung eines Wertesystems dar, das der menschliche Geist konstruiert hat. Für Durkheim kommt die Religion aus der Gesellschaft (im Gegensatz zu Tylor und Frazer, die Rituale von einer Form der Verehrung herleiten). Jede Gesellschaft hat ihre mehr oder weniger deutlich identifizierbaren Autoritäten, von welchen Ideologien, inkl. der Religion, genutzt werden um ihr Wertessystem bis zum einzelnen Individuum durchzusetzen.

Durkheim leitet in dieser Arbeit auch die Entstehung von Religionen her und favorisiert den Totemismus als Urform. Totems stehen für die Einteilung der Gesellschaft in Analogie zu jener der Natur.

Verehrung wird durch religiöse Symbole verdunkelt, die in abstrakter Form die Gesellschaft repräsentieren. Religion weist nach Durkheim vier Charakteristika auf um die oben beschriebene soziale Funktion zu erfüllen [
[6]].
· Religion übt einen Zwang durch die Androhung von Sanktionen aus.
· Religion ist generell, d.h. sie bringt und hält unterschiedliche Individuen zusammen.
· Religion ist traditionell, d.h. sie existiert vor dem Individuum und wird auch noch nach dessen Tod existieren.
· Religion ist für einzelne Individuen „extern“ und kann so Einfluss besonders gut ausüben.

Das Verhältnis zwischen Religion und Gesellschaft stellt sich wie folgt dar:
· Glaube und religiöse Praktiken sind Ausdruck kollektiver Werte, inkl. Normen und Symbolen, und stellen damit eine kollektive Repräsentanz dar.
· Für die kollektive Repräsentanzen bedarf es spezieller Gelegenheiten. Diese werden als Rituale bezeichnet.
· „Sichtbares“ repräsentiert soziale Gruppen und ist von Wichtigkeit für die Rituale [
[7]]. Die Beziehung zwischen Ritual, dem Symbolwert des „Sichtbaren“ und der Solidarität in der gesellschaftlichen Gruppe ist von Bedeutung.
· Durch Rituale wird die Gesellschaft an sich verehrt, indem eine „kosmologische Ordnung“ über der Sozialen Ordnung konstruiert wird. Auch wird durch Rituale gesellschaftliches Wissen in Macht über Individuen konvertiert. – Damit hat Durkheim das Ritual über den Glauben gestellt.

Religion ist Teil der mechanischen Solidarität und, in geringerer Bedeutung, hängt Religion auch mit der organischen Solidarität zusammen [
[8]].

In diesem Sinne ist auch der „Wert“ ein soziales Konstrukt. Menschen wollen Dinge demnach nicht nur, weil sie für sich selbst nützlich sind, sondern auch, weil kollektive Repräsentationen sie dazu zwingen. Daraus ergibt sich, dass kollektive Vorstellungen im Alltag ebenso tradiert werden wie durch Rituale [
[9]].

Durkheims Studien zur Religion stellen im Rahmen seines Werkes jene mit dem größten Bezug zur Anthropologie dar.

3. Zu Durkheims Bedeutung für die KSA
Durkheims Werke hatten großen Einfluss auf die Theorienbildung im 20 Jhdt., der weit über den direkten Einfluss auf seinen Neffen M. Mauss hinausging. Interessanterweise manifestiert sich sein Einfluss zunächst vor allem in der britischen und die amerikanischen Anthropologie, wohingegen Frankreich in der ersten Hälfte des 20.Jhdts mit extremen institutionellen Schwächen zu kämpfen hatte. Diese hängen, unter anderem, mit den beiden Weltkriegen, die auch auf französischem Gebiet ausgetragen wurden, zusammen [
[10]].
· Durkheim gilt als „Vater“ des Funktionalismus in Europa (Einfluss auf Radcliff-Brown, der sich vorallem mit
Durkheims Theorien zu den sozialen Beziehungen beschäftigte [[11]]) und des amerikanischen Kulturrelativismus (Boas), später auch des Strukturalismus in Europa (Levi-Strauss) [[12]].
· Die von Durkheim angesprochenen Themen hatten in der Folge auch wesentlichen Einfluss auf die Theorienbildung von Anthropologen der folgenden Generationen: z.B. Thema Religion und Rituale auf Geertz und Leach, z.B. Thema Totem und Thema Solidarität auf Levi-Strauss
· Danach baute die (post-)funktionalistische Forschung der 50er bis späten 70er Jahre (Firth. Lewis, Goody, Gellner) auf dem Modell der segmentären Gesellschaft von Durkheim (und Evans-Pritchard) auf.

Durkheim war einer der Ersten, der anthropologische Phänomene in einen gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang sah und dabei die Bedeutung gegenseitiger Abhängigkeiten und Einflussnahmen erkannte, wie sie noch heute anthropologisches Denken beeinflusst.



Referenzen:

[1] Mader, Elke; Seiser, Gertraud: Theoretische Grundlagen der ökonomische Anthropologie; Lernunterlage zur VO „Einführung in die ökonomische Anthropologie“ im WS 05/06, S. 29
[2] Parkin, Robert: The French Speaking Countries, in: Barth, Frederic, u.a.:One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropologie; Chicago 2005, S.179
[3] Poper, Karl R.: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd.1, 6.Aufl., München, 1980 (1957), S.236
[4] Barnard, Alan: History and Theory in Anthropology; Cambridge 2000, S.64
[5] Eriksen, Hylland Thomas: Small Issues, Large Places, An Introduction to Social and Cultural Anthropologie, 2.Aufl. London 2001 (1999), S. 231
[6] Parkin, ebenda, S.175
[7] Barnard, ebenda, S.75
[8] http://durkheim.itgo.com; Murray State University of Kentucky, heruntergeladen am 6.11.05
[9] Mader, ebenda, S. 31
[10] Gingrich, Andre: Erkundungen, Themen der ethnologischen Forschung, Wien, 1999, S.187
[11] Kuper, Adam: Anthropology and anthropoligists, the modern British school; 3. Aufl., London 1997 (1993), S.49
[12] Gingrich, ebenda, S.178 und S.200

Wien, 15.11.05/IK